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Hauptstadt seit 1912
Verwaltungs- und Schulstadt
Residenz des Königs
1,4 Millionen Einwohner (Rabat und
Salé, Volkszählung 2004)
Beidseits der Mündung des Bou Regreg, des Flusses mit dem poetischen Namen "Vater der Störche",
liegen die zwei ehemaligen Piratennester und heutigen Schwesterstädte Rabat und Salé. Hauptstadt schon im 12. Jahrhundert unter der Dynastie
der Almohaden, ist Rabat seit Beginn der französischen Protektoratszeit wieder Regierungssitz. Rabat gilt als die eleganteste unter den
Königsstädten, und sie trägt ihren Beinamen, die Weiße, mit Ehre - eine saubere, gepflegte, geschäftige Stadt.
Literaten in Rabat - Rabat in der Literatur
Viele der Schriftsteller, die in Fes, Marrakesch oder Tanger weilten oder Rundreisen durch Marokko
unternahmen, mögen sich auch kurz in der ältesten der Königsstädte, aufgehalten haben.
Zu Beginn der Protektoratszeit kam es in Mode, auf der Durchreise Hubert Lyautey, dem Generalresidenten von 1912 bis 1925,
die Aufwartung zu machen.
André Gide dinierte 1923 mit Marschall Lyautey
in der Residenz, Gide war später noch in Rabat, jedenfalls 1943.
1925 wurde
Hugo von Hofmannsthal ein Empfang
mit nahezu militärischen Ehren zuteil. Lyautey drückte sein Bedauern aus über das Ende der k.u.k. Monarchie, betrachtete
"die Zerstörung Österreichs als das bedauernswerteste Verbechen", und Hofmannsthal war überwältigt von der Grandezza und Zuvorkommenheit des
französischen Machthabers. Lyautey war homosexuell, und an Hofmannsthals homophilen Neigungen besteht kein
Zweifel, er pflegte zeitlebens eine Anzahl erotisch gefärbter Männerfreundschaften. In einem Brief an
Carl J. Burckhardt
bewunderte er die außerordentliche Grazie, mit der ihm Lyautey
"seine jungen Herren" vorstellte. Gemeint waren dessen Offiziere
(Weinzierl).
Colette,
im Frühjahr 1926 und im Frühjahr 1929 mit Maurice Goudeket, dem späteren
Ehemann, auf Erholungsreise durch Marokko
(Francis/Gontier,
Dufour),
betrauert in
Prisons
et paradis (19321)
nach dem Abtreten von Lyautey die leere, verschlafene Residenz.
Das Jahr 1935 brachte
Winston Churchill,
1938
Alec Waugh, außerdem
Simone de Beauvoir
mit
Jean-Paul Sartre.
Beauvoir war in jenem Sommer anscheinend
wenig beeindruckt, denn in ihrer Autobiografie
In den besten Jahren
findet sich nur ein Satz zur Hauptstadt des Protektorats.
Sie erinnert sich "vor allem an das Klappern der Störche auf den gezackten
Türmen".
Es gab indes auch Autoren, die sich des Öfteren oder des Längeren in Rabat aufhielten, aus beruflichen Gründen
etwa Antoine de Saint-Exupéry und Roland Barthes,
während Jean Genet familiär-private Gründe nach Rabat führten.
Die zweite Hälfte des Jahres 1921 verbrachte
Antoine de Saint-Exupéry
in
Casablanca,
absolvierte
Militärdienst in der Luftwaffe, wurde zum Piloten ausgebildet und besuchte häufig Rabat. Die
Briefe an seine Mutter berichten.
Gerade als die Studentenproteste mit
Verspätung auch auf Marokko übergriffen, hatte
Roland Barthes
eine Lehrverpflichtung am
Institut für französische Literatur an der Geistes- und Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität
Mohammed V. Im September 1969 trat er die Stelle an, die für drei Jahre vorgesehen war. Jedoch in Rabat
herrschte das gleiche Klima, dem in Paris zu entgehen er den Posten angenommen hatte. Im akademischen Betrieb
traf er auf Eifersüchteleien und Intrigen, die Studenten holten gerade den Mai '68 nach, seine Vorlesungen
waren zu wenig links und wurden zwischendurch boykottiert. So erwies sich der Rabat-Aufenthalt als Misserfolg
und endete mit einem Vertragsbruch, im Herbst 1970 kehrte er nicht mehr zurück.
Barthes stand eher am Rande der französischen Gemeinschaft in der marokkanischen Hauptstadt, und so widmete
er die Freizeit intellektueller Tätigkeit und die Abende der Eroberung junger Männer. Er arbeitete an
S/Z (19701)
und legte letzte Hand an sein Japan-Buch
Das Reich der Zeichen (19701)
(Calvet,
Lahjomri). Mehrere seiner
Begebenheiten
(19871) nahm Barthes in Rabat wahr.
Jean Genet war häufig in Rabat,
als er in den achtziger Jahren in Larache wohnte und pflegte im
Hotel Royal
oder im
Hotel d'Orsay
abzusteigen. Hauptsächlich kam er, um Azzedine El-Qatrani zu besuchen, der hier
zur Schule ging. Azzedine war nicht das Kind von Palästinensern, wie manche Genet-Biografen meinen und wie er
selbst gegenüber Journalisten zu behaupten pflegte, sondern der 1979 geborene Sohn seines Freundes Mohammed
El-Qatrani.
Azzedine war für Genet, der Kinder nicht mochte, eine Art Patenkind, er kümmerte sich um ihn, legte ein
Bankkonto für ihn an, sorgte für seine Schulbildung und besuchte ihn jede Woche, wenn er in Marokko war. Er
besaß also so etwas wie eine Familie in Marokko
(White,
Stewart/McGregor).
Im August 1985 unterbrach Genet die Arbeit an
Ein verliebter Gefangener (19861)
und schrieb in
Rabat
Haute surveillance, eine neue und endgültige Version von seinem 1947 erstmals erschienenen Theaterstück, dem Gefängnis-Einakter
Unter Aufsicht.
Während drei Wochen arbeitete er täglich mit einem Assistenten und dem
Regisseur Michel Dumoulin, von neun Uhr bis Mittag und von fünf bis sieben Uhr. Er suchte lange nach dem
richtigen Wort, retouchierte Details, um den Text dichter und musikalischer zu gestalten. Trotz
Kehlkopfkrebs, der ihn seit 1979 beherrschte, rauchte er unzählige Zigaretten täglich
(White). |
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